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Nicht Mal Warme Kartoffelsuppe: Warum Der Senat Den Geflüchteten Zu Wenig Hilft

Nicht Mal Warme Kartoffelsuppe: Warum Der Senat Den Geflüchteten Zu Wenig Hilft

Berlin - Am Donnerstag, den 10. März, am 15. Tag des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, ist die Stimmung am Berliner Hauptbahnhof wie gemacht für den Titel dieser Kolumne: Es geht dort einfach sehr brutal und, leider, sehr berlinerisch zu. Beim Betreten der unteren Bahnhofshalle, die normalerweise zu den Rolltreppen hinunter zur U5 führt, wird man mit einem komischen Geruch konfrontiert, einer Mischung aus Schweiß und lauwarmer Linsensuppe. Die Halle ist überfüllt mit Flüchtlingen aus der Ukraine. Einige ruhen sich noch auf den gespendeten Luftmatratzen und Yogamatten aus, die in einem Teil der Halle ausgelegt sind. Andere stehen für Tee oder heiße Suppe an. Wieder andere laufen verzweifelt umher und fragen die BVG-Sicherheitskräfte, die am Rand der Halle stehen, wo sie eine SIM-Karte bekommen können. Nur wenige der Mitarbeiter können Russisch, die verzweifelte Suche geht weiter.

Diese Szene spielt sich im Geschrei nervöser Kinder und Babys ab. Sie ist zugleich das Begrüßungsszenario für die vielen kriegsgeflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainer, die in Berlin am Hauptbahnhof ankommen. Seit mehreren Tagen kommen täglich mehr als 13.000 Menschen in der Hauptstadt an, nicht nur am Hauptbahnhof, sondern auch am ZOB oder am Ostkreuz. An diesen Orten gibt es Dutzende freiwillige Helferinnen und Helfer in gelben, orangenen und blauen Warnwesten, deren Aufgabe es ist, diese Menschen mit Essen, Trinken und Hilfe zu versorgen – ob sie nun in Berlin bleiben wollen oder weiterreisen möchten. In Telegram-Kanälen mit Tausenden Mitgliedern organisieren diese Helfer Spenden, die Weiterfahrt und Unterkünfte für die Flüchtlinge. Sie arbeiten teilweise tagelang ohne Schlaf. Viele sind erschöpft, einige auf Adrenalin. Es ist eine Last, so die immer lauter werdende Kritik, die sie auch deswegen schultern müssen, weil die Berliner Behörden überfordert sind.

Die Essensspenden kommen aus privaten Quellen

Zwischen der Verteilung von Lebensmitteln und FFP2-Masken an Flüchtlingsfamilien am Hauptbahnhof kann die Helferin Charlotte* kaum schnell genug sprechen, um die Situation zu erklären, mit der sie und andere konfrontiert sind. „Es kommen jeden Tag Leute vom Senat, die sagen, morgen, übermorgen kommt Hilfe. Aber bisher haben wir nichts davon gesehen“, sagt sie. „Wir haben hier keine Organisation, wir müssen uns selbst um die Müllversorgung und ums Putzen kümmern. Die Behörden haben keinen Plan und keine Ahnung.“

Die Frau spricht entsetzt von einer versprochenen Cateringstelle, die am Donnerstagmorgen immer noch nicht aufgebaut wurde. Deren Aufbau war aber für den Nachmittag geplant, so Matthias*, ein Kollege unter den Freiwilligen. „Wir haben erreicht, dass der Senat endlich die Essensversorgung übernimmt“, sagt der Freiwillige. Die Zusicherung ist auch deshalb zustande gekommen, weil die Freiwilligen am Hauptbahnhof am Mittwoch um 20 Uhr dem Senat ein Ultimatum gestellt hatten. Der Senat sollte innerhalb der nächsten zwölf Stunden die Essensversorgung übernehmen, sonst würden die freiwilligen Helferinnen und Helfer sich zurückziehen. Sie seien fast am Ende ihrer Kräfte. Am Donnerstagmorgen kamen 90 Prozent der Essensspenden im Hauptbahnhof, von warmer Linsensuppe bis Halal-Sandwiches und Bio-Quetschies, aus privaten Quellen, so Matthias.

Eine Kartoffelsuppe würde reichen

Dass es zu diesem Ultimatum kommen würde, habe niemand erwartet. „Wir dachten noch vergangene Woche, bis Freitag würde der Senat Nichtregierungsorganisationen beauftragen, die uns entlasten würden“, sagt er jetzt. Es passierte aber nichts. Matthias und seine Kollegen hatten an diesem Freitag überlegt, ob sie große Konzerne wie Hello Fresh, Haribo oder Nestle um Hilfe bitten sollten, anstatt sich weiterhin auf den Senat zu verlassen. Als die ersten Flüchtlinge ankamen, hatten die Freiwilligen keinen Kontakt zum Senat. Jetzt zumindest finden regelmäßig Krisenstabsitzungen zwischen den beiden Parteien und auch Vertretern der BVG und der Deutschen Bahn statt. Aber auch nach der jüngsten Krisenstabsitzung am Donnerstagmorgen konnte Matthias nicht genau sagen, welche Cateringfirma vom Senat beauftragt worden ist. Er habe auch den Eindruck bekommen, selbst die Senatsmitarbeiter bei der Sitzung wussten dies nicht so genau.

Am Donnerstagabend sind dann in der Unterhalle am Hauptbahnhof Sandwiches, Süßigkeiten, Obst und heiße Getränke angeboten worden. Heißes Essen gab es aber nicht. Leider. Das sei mehrmals bei den Meetings des Krisenstabteams des Senats mit den Freiwilligen betont worden: Wegen der Brandschutzgefahr und Hygieneproblemen sei das nicht möglich. „Wir bleiben dazu mit dem Krisenstab im Gespräch und hoffen wirklich, dass das sich irgendwann ändert“, so Matthias. „Man muss sich vorstellen: Man ist aus einem Kriegsgebiet geflüchtet, saß drei Tage lang im Zug und war sich in dieser Zeit nie sicher, wann die nächste Mahlzeit kommt.“ Unter solchen Umständen bedeutet ein einfacher Teller warmer Suppe ganz viel. „Wir fordern hier nichts Verrücktes. Selbst eine Kartoffelsuppe würde reichen“, sagt Matthias.

Helfer Matthias sagt es ganz deutlich. Er fordert mehr Transparenz, mehr Hilfe vom Senat. „Wir müssen oft Entscheidungen treffen, die wir nicht treffen sollten“, sagt Matthias. „Wenn wir um 3 Uhr im Bahnhof mit zehn Decken dastehen und entscheiden müssen, welche 20 Kinder vor uns eine Decke bekommen, dann ist etwas gescheitert. In solchen Fällen hätten einfach Betten oder Schlafplätze gefunden werden müssen.“ In einem Fall habe ein Kind in einem Pappkarton am Hauptbahnhof übernachten müssen.

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Am Freitagmorgen dann eine Erleichterung: Ein Cateringunternehmen ist im Hauptbahnhof angekommen. Die verantwortliche Firma heißt Capital Catering, ein Partner der Berliner Messe. Es gibt Sandwiches, Obst und Tee, ein Mitarbeiter sagt, es sollte im Laufe des Tages auch Suppe geben (das wird irgendeine klare Brühe sein, keine Kartoffelsuppe) – als Spende der Firma zum ersten Arbeitstag. Ob das Unternehmen weiterhin täglich Suppe anbieten dürfe, hänge davon ab, ob die Firma dafür eine „finanzielle Genehmigung“ von dem Senat bekomme, so der Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte. Während des Freitags dann die nächste Hiobsbotschaft: Die Freiwilligen sollen bei der Essensausgabe mithelfen. Für durchgehendes Personal habe das Catering-Unternehmen keine Kapazitäten, erzählt uns ein Freiwilliger.

Immerhin: Die Zusammenarbeit funktioniere manchmal ganz gut

Charlotte wirkt skeptisch, ob das Angebot der Cateringstelle ausreichen wird. „Wir haben diese Woche an einem Tag 20.000 Sandwiches verteilt. Als wir den Senat um Hilfe baten, haben wir 4000 Sandwiches geliefert bekommen“, sagt sie. Innerhalb von zwei Stunden waren die Sandwiches weg. Auch der Besuch von vor einer Woche der Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) und der Berliner Senatorin für Integration und Soziales Katja Kipping (Linke) hat viele am Hauptbahnhof kaltgelassen. „Man hört viel Gegrummel, dass die Politikerinnen kurz vorbeikamen, um Pressebilder zu machen und oberflächliche Gespräche mit ein paar Ehrenamtlichen zu führen. Sie haben sich nicht wirklich mit dem Chaos beschäftigt“, so Charlotte. „Wir sind immer noch nicht wirklich sicher, dass der Senat kapiert hat, wie viele Menschen hier unsere Hilfe suchen und wie groß das Problem eigentlich ist.“

Seit mehreren Tagen gibt es vor dem Hauptbahnhof ein großes Zelt, die sogenannte „Welcome Hall“. Am Donnerstagmorgen arbeiteten darin zwischen 30 und 40 Mitarbeiter der Berliner Stadtmission mit ungefähr vier Mitarbeitern vom Mobilteam für Kinderschutz und Jugendhilfe des Bezirksamts Mitte und ihren Dolmetschern, bestätigt Barbara Breuer, Pressesprecherin der Berliner Stadtmission. Bisher funktioniere die Zusammenarbeit mit dem Senat und der Deutschen Bahn ganz gut, sagt sie, trotz fehlenden Personals aufgrund von Corona-Infektionen. Langsam soll die Stadtmission mit mehr als 50 festangestellten Mitarbeitern „professionelle Strukturen“ etablieren, um Flüchtlinge mit Essen und Trinken zu versorgen – und ihre Beförderung entweder zu den Ankunftszentren oder zu anderen Verkehrsknotenpunkten in Berlin sicherzustellen.

Der Senat hat Glück, dass es uns gibt

So eine Zusammenarbeit biete eine wichtige Entlastung für Berlins freiwillige Helfer, so Yasemin Acar, eine der Koordinatorinnen und Initiatorinnen der freiwilligen Aktion am Berliner ZOB. Oft sind Mitarbeiter von den Maltesern unterwegs, um Yasemin und ihre Kollegen zu unterstützen. Die Koordination funktioniere ganz okay, sagt sie, aber die Arbeit werde fast ausschließlich von Freiwilligen organisiert. „Wir sind seit Tag eins dieser Krise dabei und haben jetzt ein System aufgestellt, damit wir schnell und flexibel auf die Bedürfnisse der Flüchtlinge eingehen können“, sagt sie. Wenn unangekündigte Busse zum Beispiel am ZOB ankommen, kann ihr Team von rund 70 Freiwilligen sich um bis zu 400 Flüchtlinge kümmern – spezifische Spenden wie Windeln oder Babynahrung können dann über Telegram sehr schnell weitergereicht werden.

Die Organisation von Transport und Unterkunft ist ebenfalls eine Aufgabe, die Yasemin Acar und ihre Freiwilligen übernommen haben. Über Telegram haben sie ihre eigenen Datenbanken mit hilfsbereiten Berlinern aufgebaut. Sie findet aber, dies sei unbedingt eher eine Aufgabe für den Senat gewesen. „Der Senat hat Glück, dass es uns gibt“, sagt sie.

* Namen sind der Redaktion bekannt

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